Juni 2016

Udo Weiss: Sicherheit geht vor

Udo Weiss © Privat

Eltern nach einem Verkehrsunfall die schreckliche Nachricht überbringen zu müssen, dass ihr Kind nie wieder nach Hause kommen wird – das waren für Udo Weiss die traurigsten Momente in seinem Berufsleben. Der 62-Jährige war 45 Jahre lang im Polizeidienst, die letzten 9 davon als Leitender Polizeidirektor in Münster. Mit teils spektakulären Aktionen und „Null Toleranz“-Maßnahmen lenkte Weiss nicht nur die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema Unfallprävention, sondern sorgte so auch nachhaltig für mehr Sicherheit im Straßenverkehr seiner Heimatstadt. Nun ist er aus dem aktiven Dienst ausgeschieden.

Als Leiter der Verkehrsdirektion hat Udo Weiss nahezu alle Unfallszenarien in und um Münster besichtigt. „Was Mediziner und Polizisten gemeinsam haben: Sie sehen die schwerverletzten Opfer – und auch die zurückgelassenen Angehörigen. Das prägt“, erzählt er. „In diesen Momenten stelle ich mir stets die Frage, ob der Unfall vermeidbar gewesen wäre und wie er in Zukunft verhindert werden kann.“ Die Unfallzahlen in Münster zu senken und damit „menschliches Leid zu minimieren“ – das hat für Weiss oberste Priorität.

Provozierende Kampagnen
Seine oftmals schockierenden Erlebnisse gab der erfahrene Verkehrsexperte im Laufe der Jahre an zehntausende Schüler und Studenten weiter. Dabei machte der Polizeichef auch vor unkonventionellen Wegen und makabrem Humor nicht halt: „Wir haben unter anderem mitten in Münster Leichensäcke aufgebahrt, um die Folgen sichtbar zu machen, die nächtliche Alkoholfahrten auf dem Rad haben können – nach dem Motto ‚Wer abends trinkt und fährt, kann richtig lange ausschlafen‘. Und wir haben Melonen vor der Uni-Mensa auf dem Boden zerspringen lassen, um zu zeigen, wie ein Sturz ohne schützenden Helm enden kann.“ Aktionen wie diese sorgten weit über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen – und nicht selten auch für Kritik. Weiss verteidigt die bildstarken Aufklärungskampagnen: „Die Medien brauchen Geschichten. Um Aufmerksamkeit und Nachhaltigkeit zu erreichen, muss man heutzutage auch einmal provozieren, dabei aber immer seriös bleiben.“ Er erklärt: „Menschen beurteilen die Gefährlichkeit ihres Handelns immer vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erlebniswelt, die oftmals begrenzt ist. Wir lassen die Menschen daher an der Erlebniswelt von Polizisten und Medizinern teilhaben, damit sie Gefahrensituationen besser einschätzen können.“

Sein Ehrgeiz: Aufrütteln
Weiss arbeitet eng mit der Klinik für Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Münster (UKM) zusammen – wie unter anderem bei der ersten interdisziplinären Fahrradunfallstudie. Die Ergebnisse der Untersuchung ließen aufhorchen: Fast Dreiviertel aller Radunfälle werden polizeilich nicht erfasst – eine hohe Dunkelziffer. Darüber hinaus hat die Münsteraner Polizei gemeinsam mit dem UKM das Präventionsprojekt „Verantwortung & Emotion“ entwickelt und umgesetzt und damit über 4.000 Jugendliche erreicht. Auch am bundesweiten P.A.R.T.Y.-Programm der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) beteiligt sich Udo Weiss jedes Jahr gemeinsam mit Unfallmedizinern des Clemenshospitals Münster mit Vorträgen. Am P.A.R.T.Y.-Aktionstag erfahren Jugendliche im Krankenhaus hautnah, wie Rettungskräfte und Ärzte um das Leben von Schwerverletzten kämpfen müssen und welche weitreichenden Folgen ein Verkehrsunfall für die Beteiligten und ihre Familien hat. „Was die Schüler sehen, hören und emotional spüren, das verankert sich dauerhaft in ihren Köpfen. Nur so können wir zum Nachdenken anregen und vor Unachtsamkeit und Selbstüberschätzung im Verkehr warnen – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.“

Fahrradstadt Münster?
Der Erfolg gibt ihm Recht: Dem Leitenden Polizeidirektor ist es mit seiner Verbundstrategie aus Analyse, Prävention, Repression, Infrastrukturgestaltung und Sicherheitskommunikation gelungen, Münster zu einer radfahrerfreundlichen Stadt zu entwickeln. „Vor 2007 war nirgendwo in Nordrhein-Westfalen das Risiko größer, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden als in der vermeintlichen Fahrradhauptstadt Münster – 50 Prozent aller Verletzten waren Radler“, blickt Weiss zurück. Er ist sehr froh, dass sich über die Jahre vieles in den Köpfen der Menschen verändert hat: „Heute trägt fast ein Drittel aller Radfahrer einen Helm, früher waren es nur 6 Prozent.“

Seine wichtigste Auszeichnung: Die Unfallstatistik

Udo Weiss ist zufrieden, dass die Statistiken zur Verkehrssicherheit in seiner Heimat heute andere Zahlen vorweisen – eine Anerkennung seiner Arbeit: Die Anzahl von Unfällen mit jungen Erwachsenen ist um 25 Prozent gesunken, die Zahl von Personen, die bei einem Unfall verletzt oder getötet wurden, um 7 Prozent. Von ehemals 22 Risikobereichen auf Münsters Straßen sind 14 nachhaltig „entschärft“, seitdem vor 4 Jahren fast in der gesamten Stadt Tempo 50 eingeführt wurde, um den Verkehr zu verlangsamen. „Die Geschwindigkeit macht den Unterschied zwischen Leben und Tod aus. Wo man mit 70 Stundenkilometern noch bremst, kommt man bei 50 Stundenkilometern bereits zum Stehen“, mahnt er. Zu gut erinnert sich Weiss an den tragischen Unfall, bei dem ein Student bei einem Zusammenstoß mit einem zu schnell fahrenden Pkw sein Leben verlor: „Hätte sich der Fahrer an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten, wäre er 4 Meter vor dem jungen Mann zum Stehen gekommen. Der Unfall war vermeidbar. Deshalb: Null Fehlertoleranz.“

Nicht zur Ruhe gesetzt
Seit Mai ist Udo Weiss nun „Leitender Polizeidirektor a. D.“. Mit seinem Engagement in der Unfallprävention hat er unzählige Leben gerettet. Er wird sich auch weiterhin der Verkehrssicherheit widmen, ist nach wie vor ein gerngesehener Referent zu diesem Thema. So kann und wird Udo Weiss auch in Zukunft sicher noch Einiges bewegen, damit „jeder Verkehrsteilnehmer am Ende seines Weges auch wohlbehalten wieder nach Hause kommt“.

5 Fragen an Udo Weiss

Was möchten Sie jungen Menschen in puncto Verkehrssicherheit mit auf den Weg geben?
Meinem eigenen Sohn habe ich Folgendes gesagt: „Immer wenn du überlegst: ‚Soll ich? Oder soll ich nicht?‘ – entscheide dich besser für das ‚Nicht‘. Vertrau deinem Gefühl. Denn wenn du dir diese Frage stellst, besteht auch immer ein erhöhtes, aber vermeidbares Risiko.“

Warum sind Sie Polizist geworden?

Die Polizei ist ein staatstragendes Element, das unser soziales Miteinander sichert. Sie nimmt eine friedensstiftende Funktion wahr. Wir Polizisten schwören einen Eid darauf, dass wir notfalls unsere eigene Gesundheit gefährden, um das Leben der Mitmenschen zu schützen. Dies ist keine Utopie, sondern wird täglich realisiert. Dies war auch für mich Anreiz und Verpflichtung zugleich.

Was finden Sie besonders spannend an Ihrem Beruf?
Wie die Medizin, betrifft auch mein Beruf die Mitmenschen unmittelbar. Er ist abwechslungsreich, bietet ein enormes Entwicklungspotenzial und am Ende des Tages hat man (fast) immer das Gefühl, das es gut war, dagewesen zu sein.

Auf welche Erfahrung in Ihrem langen Berufsleben blicken Sie besonders gern zurück?
Ich habe sehr gern mit meinem Team zusammengearbeitet: engagierte, kompetente, ehrliche und loyale Menschen mit vielen Momenten, in denen man unmittelbar helfen konnte oder für das gedeihliche Zusammenleben der Gesellschaft gesorgt hat. Auch die vielen ausländischen Kontakte bleiben mir in sehr guter Erinnerung: so zum Beispiel die Republik Mazedonien, wo ich 5 Jahre als Projektleiter tätig war, oder auch die 17 Jahre, in denen das Land Nordrhein-Westfalen mit der Russischen Föderation in engem Austausch stand. Das bleibt unvergessen und hat mein Weltbild nachhaltig verändert.

Gibt es etwas, worauf Sie sich in nächster Zeit besonders freuen?
Auf die Vorträge und Interviews, die vor mir liegen. Es gibt noch so viel zu sagen…