Juni 2015

Insa Matthes: Betreut „Peers im Krankenhaus“

„Peers im Krankenhaus“ (PiK) heißt ein bundesweites Projekt am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb), das die 39-jährige Chirurgin und angehende Orthopädin und Unfallchirurgin Insa Matthes mitinitiiert hat und betreut. Hierbei geht es um die Unterstützung von akut amputierten Patienten. „Mit einer traumatischen Amputation ändert sich das Leben von einem auf den anderen Moment. Der Patient und seine Angehörigen müssen meist ihr ganzes Leben umstellen und sich neu orientieren. Das macht alle gerade zu Beginn sehr unsicher“, sagt Insa Matthes, die am ukb im Zentrum für spezialisierte Prothesenrehabilitation tätig ist. „Helfen können in dieser Situation nicht nur Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten. Besser beraten können sogenannte Peers – Menschen, die selbst eine solche Situation erlebt haben.“

Ein solches Peer-Counseling, das heißt, die Beratung für Betroffene durch Betroffene, wird bislang nur in wenigen Kliniken in Deutschland praktiziert. Am ukb sind derzeit zwei Peers im Einsatz. Mit dem Projekt PiK soll dieses Konzept größere Verbreitung finden. Einen entsprechenden Kooperationsvertrag haben im Dezember 2014 die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), der AOK-Bundesverband und die AOK Nordost, das ukb sowie der Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputationen e.V. (BMAB) getroffen. Schirmherr ist der Arzt und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen.

Die Gespräche mit Peers sollen den Patienten Mut machen und sie darin unterstützen, mit der neuen Lebenssituation umzugehen. Die Wirkung solcher Gespräche auf die akut amputierten Patienten ist spürbar. „Wir können bei den Patienten eine deutliche psychische Entlastung feststellen. Das liegt daran, dass ihre Fragen aus ‚erster Hand‘ beantwortet werden“, sagt Matthes. „Wir erleben oft, dass Patienten nach einem solchen Peer-Gespräch offener gegenüber den notwendigen Therapien sind und ihre Verletzung besser akzeptieren können. Sie sind ruhiger, beteiligen sich aktiver an der Rehabilitation und lernen schneller, dass es notwendig ist, Hilfe anzunehmen.“ Viele frisch amputierte Patienten können sich ein Leben mit einer Amputation und Prothese nicht vorstellen und hatten bis dahin auch keinerlei Berührungspunkte zu einer solchen Situation. „Sie möchten ehrliche Antworten auf die Fragen, die sie quälen, und können die Antwort von jemanden, der selber betroffen ist, besser annehmen und einschätzen. Es hilft den Verletzten auch, wenn sie erfahren, wie andere mit den körperlichen und psychischen Folgen einer Amputation umgegangen sind“, erläutert Matthes. 

Das Team im Zentrum für spezialisierte Prothesenrehabilitation betreut die Patienten in der Regel nicht nur während des stationären Aufenthaltes, sondern auch ambulant weiter und begleitet sie während des gesamten Rehabilitationsverlaufes. „Wir erleben die Anpassung der Prothese mit und die ersten neu erlernten Schritte. Wir versuchen, den Patienten zu vermitteln, dass das Leben auch mit einer Amputation weitergeht, und in den meisten Fällen gelingt es auch, dass die Patienten an ihr ‚altes Leben‘ anknüpfen können“, sagt Matthes. „Wenn ein Patient wieder in sein persönliches Umfeld und an seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann, im besten Fall wieder seinen alten Hobbys nachgehen kann, dann haben wir als Team aus Ärzten, Pflege, Physiotherapeuten, Orthopädietechnikern und Peers gute Arbeit geleistet, was uns wieder Kraft gibt für die nächsten Patienten.“

Im Rahmen des PiK-Projekts finden seit 2014 in Berlin regelmäßig Schulungen für zukünftige Peers sowie für Ärzte, Pflegepersonal, Psychologen, Physiotherapeuten, Orthopädietechniker und alle anderen Interessierten statt. Der zweitägige Basiskurs informiert über die Arbeit als Peer, medizinische, rechtliche und psychologische Grundlagen, liefert einen Einblick in gelungene Gesprächsführung und ermöglicht in Workshops für Ärzte und Peers den direkten Austausch zu praktischen Fragen. 

Die nächste PiK-Fortbildung findet am 13. und 14. November 2015 in Berlin statt. Daneben bereitet das Klinikteam derzeit eine wissenschaftliche Untersuchung vor, die sich mit dem Peer-Counseling-Verfahren beschäftigt.


 

Welche Leistung/Entdeckung/Entwicklung bewundern Sie am meisten?

Generell bewundere ich, dass Menschen den Mut und die Kraft haben, zu ihren Entdeckungen, Erfindungen und Ideen zu stehen und sie gegen alle Widerstände verteidigen und voranbringen und ihr Ziel fest im Auge behalten.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Ich mag das gesamte Paket. Es ist schön, die sinnvolle Aufgabe zu haben, Menschen in schwierigen gesundheitlichen Situationen wieder fit zu machen. Unsere Arbeit ist abwechslungsreich und vielseitiger als man so glaubt und eröffnet – wie im Fall Peers im Krankenhaus – Möglichkeiten, auch mal was ganz anderes zu machen. Außerdem mag ich die vernetzende Arbeit im Team und mit anderen Fachabteilungen. 

Wenn nicht Orthopädin/Unfallchirurgin – was würden Sie gerne sein?

In Gedanken hab ich mir schon einiges überlegt, aber letztlich lande ich immer bei der Medizin und bin mit meiner Berufswahl immer noch sehr zufrieden.

Können Sie sich noch an Ihre erste OP erinnern?

Ja, im PJ hab ich irre viele Kopfplatzwunden genäht. Ich erinnere mich noch, dass ich wirklich ernsthaft fasziniert war von der Dicke einer Kopfschwarte und wie glatt und weiß die Schädelkallotte sein kann.

Wie können Sie nach der Arbeit am besten entspannen?

Zu Hause mit meiner Familie. Das ist zwar eher turbulent als entspannend, aber definitiv kommt man auf andere Gedanken. Außerdem versuche ich, regelmäßig zu laufen.

Auf welches Ereignis der nächsten Zeit freuen Sie sich schon?

Den Berliner Sommer!

Was geben Sie zukünftigen Orthopäden und Unfallchirurgen mit auf den Weg? 

Nicht zu lange mit dem Facharzt warten. Ich glaube, dass es Sinn macht, neben einer guten und breit aufgestellten Ausbildung ein eigenes „Spezialgebiet“ zu haben und sich darin fortzubilden. Und Patienten so zu behandeln, wie man selbst gerne als Patient behandelt werden möchte.

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