August 2016

Gerhard Achatz: Trauma-Chirurg in den Townships Südafrikas

Dr. Gerhard Achatz © Privat

Schusswunden, Stichverletzungen sowie offene Bauch- oder Brusthöhlen – selbst für den Mediziner Dr. Gerhard Achatz ist dies kein leichter Anblick. Der Militärchirurg war für drei Monate in einem Krankenhaus in Südafrika im Einsatz. Dort hat er einige Konflikte miterlebt und schwere Verletzungen behandelt. Dr. Achatz ist Oberstabsarzt am Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Von Januar bis April 2016 war er im Rahmen der südafrikanisch-deutschen Trauma-Kooperation er Bundeswehr als Mitarbeiter der sogenannten Trauma Unit am Bara, dem Chris Hani Baragwanath Hospital Soweto.

Hier war Dr. Achatz mitten im Geschehen: Der Chirurg führte lebenserhaltende Notfalloperationen und Folge-OPs im Bereich des Halses, des Brustkorbes, des Bauches, der Gefäße sowie der Weichteile durch und betreute die Patienten auf den Intensiv- und Pflegestationen. Das Ausbildungsprogramm der südafrikanisch-deutschen Trauma-Kooperation der Bundeswehr besteht seit 2011: Im 3-Monatsrhythmus werden Chirurgen nach Südafrika entsandt, um im Bara im Südwesten von Johannesburg zu arbeiten. Ziel der Partnerschaft ist es, Erfahrungen in der Traumachirurgie auszutauschen: Während die südafrikanischen Ärzte Methoden der Patientenversorgung in Deutschland kennenlernen, werden deutsche Chirurgen zu typischen Verletzungen in Krisenregionen geschult.

Andere Verletzungsmuster als in Deutschland
„Während es für Unfallchirurgen in Deutschland Routine ist, zumeist Verletzungen durch Stürze oder Unfälle im Alltag zu behandeln, gibt es im Bara 5 Hauptverletzungen: Autounfälle, Unfälle als Fußgänger im Straßenverkehr, Schusswunden, Stichverletzungen sowie Verletzungen nach gewalttätigen Überfällen“, erzählt Achatz. Obwohl der 37-jährige Bundeswehrarzt bereits während seiner Stationierung in Afghanistan und im Kosovo mit zum Teil schweren Verletzungen konfrontiert war, ist der Aufenthalt im Bara eine wichtige Erfahrung für ihn. „Als Einsatzchirurg muss ich in Krisen- und Kriegsgebieten oder bei Terroranschlägen bestens gerüstet sein, um Akutverletzte so schnell wie möglich zu behandeln. Im Bara konnte ich meine Fachkenntnisse bei der Versorgung von Patienten mit penetrierenden Verletzungen, insbesondere im Bereich der Körperhöhlen Brustkorb, Bauch und Becken weiter entwickeln. Solche Situationen gibt es in Deutschland nicht“, sagt Achatz.

Für den Bundeswehreinsatz gerüstet
Das Bara gehört mit über 3.000 Betten zu den größten Akutkrankenhäusern der Welt und ist das einzige öffentliche Krankenhaus für die Bevölkerung der 30 Townships von Soweto, der bevölkerungsreichsten Gegend in Südafrika: 3,5 Millionen Menschen leben hier auf nur 130 Quadratkilometern zusammen. Pro Jahr werden im Bara mehr als 100.000 Patienten stationär und 400.000 Patienten ambulant behandelt. Die Klinik für Chirurgie hat 360 Betten und führt jährlich über 10.000 operative Eingriffe durch. In der Trauma Unit werden Akutverletzte vom Moment der Aufnahme bis zur Entlassung behandelt. „Durch das hohe Patientenaufkommen ist eine perfekte Organisation des Schockraumes erforderlich: Es müssen innerhalb kürzester Zeit so viele Patienten wie möglich versorgt werden. Gleiches gilt für Bundeswehreinsätze: In Krisen- und Kriegsgebieten muss der Einsatzarzt vor Ort von einer Sekunde zur anderen handeln und auch mit einer hohen Anzahl von Verletzten bei teils geringen Ressourcen auskommen“, berichtet Achatz. 

Konfliktpotenzial ist hoch

Grund für die schweren Verkehrsunfälle in Südafrika sind vor allem zum Teil technisch veraltete Autos und Kleinbusse, die keine Sicherheitsausrüstung haben sowie die oft nicht angepasste Fahrweise. Das führt nicht selten zu 20 Schwerverletzten gleichzeitig. Die meisten Verletzungen aber seien das Resultat von Gewalttaten. Dr. Achatz erzählt nachdenklich: „Zu Hause geht mein 7-jähriger Sohn zu Fuß zur Schule. Das ist hier undenkbar. An einer unbelebten Kreuzung oder zur Nacht sollte man besser nicht an der Ampel stehen bleiben, da es zu Raubüberfällen kommen kann.“ Oft seien es Banalitäten, die übermäßige Gewalt auslösen. „Ein 20-jähriger Patient kam eines Tages völlig zusammengeschossen zu uns: Ein Taxifahrer zielte mehrfach auf ihn, weil er nach seinem Wechselgeld von umgerechnet knapp 50 Cent gefragt hat.“ Der Chirurg berichtet, dass auch Verbrennungen häufig sind. „In den Townships mit den eng aneinandergebauten Wellblechhütten aus Holz-, Karton- und Plastikwänden gibt es keinen Strom. Daher kochen und heizen die Bewohner mit Parraffinöfen und machen mit Kerzen Licht. Da sind Unfälle leider vorprogrammiert.“

Lohnenswerte Erfahrung
Zurück in Deutschland erinnert sich Dr. Achatz an viele berührende Momente. „Die Gastfamilie, bei der ich wohnte, hat mich sehr herzlich aufgenommen. Sie wurde in der oft anstrengenden Zeit meine Ersatzfamilie.“ Er erzählt weiter: „Südafrika ist ein wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen. Auf der anderen Seite existieren Arm und Reich so dicht nebeneinander. Das hat oftmals enormes Konfliktpotenzial.“ Voller Hochachtung denkt der Unfallchirurg an seine Kollegen im Bara, die arbeitsintensive 24-Stunden-Dienste leisten. „Es herrscht täglich ein äußerst hohes Patientenaufkommen, das nicht zu vergleichen ist mit Deutschland: Die Stationen gleichen eher Bettensälen, es gibt keine Privatsphäre und manchmal müssen Männer und Frauen gemeinsam untergebracht werden. Hinzu kommt das knappe Verbrauchsmaterial. Unter diesen äußerst schweren Bedingungen machen die Kollegen im Bara einen super Job!“ erkennt Achatz an.

5 Fragen an Gerhard Achatz

Was haben Sie aus dem Austauschprogramm für sich mitgenommen?
Sowohl fachlich als auch persönlich habe ich meinen Horizont erweitern können. Ich konnte meine Fachkenntnisse im Bereich Höhlentrauma enorm ausbauen. Dabei war ich für die Traumapatienten in Gänze – vom Schockraum bis zur Station – verantwortlich. Persönlich schätze ich nun den Alltag in Deutschland mehr und gehe viel gelassener mit kleineren Problemen um.

Warum sind Sie Unfallchirurg geworden?
Ich möchte mich um Menschen in Notsituationen kümmern, in die sie meist von einer Sekunde zur anderen geraten sind. Man erfährt dafür von den Patienten eine ungemeine Dankbarkeit und Anerkennung. Zudem begeistert mich der manuelle Aspekt des Fachgebiets. Es ist ein Handwerk auf besonders hohem Niveau mit einem komplexen theoretischen Hintergrund.

Können Sie sich an Ihre erste OP erinnern?
Es war die Operation eines Sinus pilonidalis, einer chronisch entzündlichen Erkrankung der Gesäßfalte – eine sehr häufige OP bei Soldaten und deshalb nach dem Vietnam-Krieg oft auch als Jeep-Disease bezeichnet.

Was geben Sie künftigen Unfallchirurgen mit auf den Weg?
Die Unfallchirurgie ist ein äußerst interessantes und spannendes Fach. Es ist aber auch anstrengend und kann nicht in kürzester Zeit erlernt werden. Auf jeden Fall lohnt es sich, Zeit und Mühe in eine breite Aus- und Weiterbildung zu investieren, sich auf dieser Basis erst spät zu spezialisieren und dann zum Beispiel auch an einem Austauschprogramm wie diesem in Südafrika teilzunehmen.

Wie können Sie nach der Arbeit im OP am besten entspannen?
Auch wenn ich gern sehr viel Zeit in meinen Beruf investiere, genieße ich die freie Zeit mit meiner Familie sehr. Dann sind Rad- oder Skifahren die perfekte Abwechslung – oder auch einfach die Liege im Garten.